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Praktikumsort: Bien Hoa

Eindrücke aus Südostasien

 

Vietnam ist "in". Es überrascht seit vielen Jahren mit Wachstumsraten, die phantastisch klingen. Auch die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben hieran nichts Wesentliches geändert. Hinzu kommen die besonderen Beziehungen des Landes zu Deutschland: Rund 100.000 Vietnamesen, die vor allem in der ehemaligen DDR gearbeitet oder studiert haben, bilden heute  in Asien eine einzigartige Brücke zu deutschen Partnern. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Vietnams in der EU. Nicht zuletzt wurde 2010 zum 35. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen sogar ein "Deutsch-Vietnamesisches Jahr" gefeiert. Irgendwie ist es schon eine merkwürdige Vorstellung, dass sich weit entfernt von uns ein vietnamesisches Kinopublikum in diesem Rahmen berühmte neue deutsche Filme wie "Gegen die Wand" oder "Das Leben der anderen" ansah.

 

Meine persönliche Beziehung zu Vietnam kommt vor allem durch die MCA furniture GmbH, meinen ehemaligen Ausbildungsbetrieb, zustande. Das Unternehmen lässt in Vietnam einen Teil seines Sortimentes produzieren und besitzt in Bien Hoa ein eigenes Koordinierungsbüro mit einem Mitarbeiterstab von acht Personen. Eine Chance für mich: Denn Studierende an der Möfa nutzen einen Teil ihrer Semesterferien gerne für Praktika. Allerdings lag meines zwölf Flugstunden von Frankfurt entfernt. Ich begleitete malaysische Qualitätskontrolleure bei ihren Unternehmensbesuchen und erhielt so Einblicke in eine bislang fremde Welt.

 

Oberflächenbearbeitung

Fast 9.500 Kilometer trennen Ho-Chi-Minh-Stadt vom Flughafen der Mainmetropole, nur 25 Kilometer liegen hingegen zwischen der Hauptstadt und meinem Zielort Bien Hoa. Und doch barg gerade die geringe Distanz erhebliche Schwierigkeiten in sich. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel zog sich endlose zweieinhalb Stunden hin. Tausende von Mopeds, in mehreren Reihen nebeneinander, ließen ein schnelleres Vorwärtskommen nicht zu. Verkehrsregeln, so wie ich sie aus Deutschland kenne, schien es nicht zu geben. Trotzdem funktionierte alles, irgendwie. Angstfrei und mutig überquerten die Fußgänger die vollen Straßen. Wie um Steine im Wasser floss der Verkehrsstrom  um sie herum.

 

Bien Hoa selbst ist eine Industriestadt mit immerhin circa 800.000 Einwohnern, jedoch mit provinzieller Ausstrahlung. Möbel bilden den Schwerpunkt ihrer Industrieproduktion. Eine Innenstadt mit Fußgängerzone, Cafés und Restaurants suchte ich hier vergebens. Die Hauptstraße, zwar asphaltiert, aber ohne Bürgersteig, wirkte mit ihren kleinen Gebrauchtwarenshops und Bars und den sichtbaren Stromleitungen trotz der vielen Menschen trostlos und wenig einladend. Kein Ort für Touristen also. Auch mein Hotel bot eher ein spartanisches Zuhause. Doch Praktikumszeit ist eben keine Urlaubszeit.

 

Trocknen von Furnieren. In der Bildmitte der angehende Betriebswirt Finn Heitmann

 

Am Morgen um 9 Uhr wurde ich von Mr. Leong und seinem Fahrer abgeholt. Auf holpriger, nicht asphaltierter Straße schlichen wir eine Stunde lang vorsichtig durch dünn besiedeltes Land zur Produktionsstätte. Das Ziel unserer Fahrt: Ein Hersteller, der Gebrauchtholz aus Kiefern aufarbeitet und hieraus die Landhausprogramme "Bodde" und "Opus" herstellt. Beide Programme werden in Deutschland mit großem Erfolg vermarktet. Wir inspizierten einige Musterstücke und führten Maß-, Farb- und Oberflächenkontrollen durch. Die Prüfung von spezifischen Merkmalen wie Ausfräsungen, Nuten und Fußradien erwies sich oft als schwierig. Die Möbel dieser Landhausprogramme haben einen handwerklichen und einzigartigen Charakter. Das macht zwar ihren besonderen Charme aus, erschwert aber eine normierte und standardisierte Begutachtung der Qualität. Die Produktion muss daher Schritt für Schritt eng begleitet werden. Das ist zeitaufwendig und erfordert viele Besuche mit anschließenden technischen Gesprächen. Für einen Mitteleuropäer kein leichter Job in nicht klimatisierten Hallen mit einer Temperatur von häufig 40 Grad und mehr.

 

Meine Arbeitswochen endeten meistens am Samstag. Gerade der Sonntag konnte sich dann unendlich in die Länge ziehen. Er ließ sich mit Muße und innerer Gelassenheit, aber auch mit Facebook, Telefonaten und Büchern überstehen. Zweimal ergab sich außerdem die Möglichkeit, nach Ho-Chi-Minh-Stadt zu fahren. Hier hinterließen die Bilder aus dem Vietnamkrieg, zu sehen im "War Museum", einen tiefen, schrecklichen Eindruck bei mir. 

 

Garküche an der Straße

 

Vietnam ist kein Markt für Unentschlossene, sagen die Ratgeber. Festzuhalten ist jedoch, dass die vietnamesische Möbelindustrie eine dynamische Entwicklung durchlaufen hat. Aufgrund der Strafzölle für chinesische Möbelprodukte (Schlafzimmer und Buffets) auf dem amerikanischen Markt wurden große Produktionskapazitäten nach Vietnam verlagert. Hier steht ein nahezu endloses Reservoir an Arbeitskräften für unternehmerische Aktivitäten zur Verfügung. Im Verlauf meines Praktikums habe ich erfahren, wie wichtig es dabei ist, ein funktionierendes Produkt- und Qualitätsmanagement  auf die Beine zu stellen. Ein wichtige Einsicht für meine weitere berufliche Orientierung und die spätere Berufspraxis.

 

Text und Fotos: Finn Heitmann

 

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